AR Talk

16.12.2022 AR Talk mit Alex Feuerherdt Florian Markl

Contrapunkt
05. Januar 2023

Mit ihrem Buch  „Die Israel Boykottbewegung - Alter Hass in neuen Gewand” waren Alex Feuerherdt und Florian Markl am 16.12.2022 zu Gast beim reclaim:your:club //// club:against:reality „Boycott on the dancefloor“ - BDS und der Israel/Palästina Konflikt in der Clubkultur im Reich für die Insel.

Florian Markl ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Leiter der Nahost-Website Mena Watch in Wien. Zuvor war er Archivar und Historiker beim Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.

Alex Feuerherdt ist freier Publizist und lebt in Köln. Er veröffentlicht regelmäßig Texte zu den Schwerpunktthemen Israel/Nahost, Antisemitismus und Fußball, u.a. in der Jüdischen Allgemeinen, bei n-tv.de, in der Jungle World und in Konkret. Zudem ist er Betreiber des Blogs Lizas Welt.

Den AR TALK konnten wir an diesem Abend nicht mehr mit den beiden machen, jedoch haben sie unsere Fragen in schriftlicher Form beantwortet und das können wir nun hier präsentieren:

1. Was war eure Motivation, über die BDS-Bewegung zu schreiben?


BDS ist eine transnationale antisemitische Bewegung, die immer mehr Zulauf bekommt und vor allem im akademischen und im kulturellen Bereich wirkmächtig ist, zuvorderst in den angelsächsischen Ländern. Vor allem in vielen Medien wird aber viel zu oft die falsche und verharmlosende Behauptung der Bewegung wiederholt, bloß für die Rechte der Palästinenser einzutreten und mit Antisemitismus rein gar nichts zu tun zu haben. Dem widersprechen wir entschieden: BDS geht es nicht um die Rechte der Palästinenser, sondern um die Dämonisierung und Delegitimierung Israels. In der BDS-Propaganda wird Israel auf grotesk verzerrte Art und Weise diffamiert, ausgesondert und völlig anders behandelt als alle anderen Länder der Welt. Es ist uns wichtig, darüber aufzuklären.

2. BDS hat in Österreich/Deutschland allerdings kaum einen Einfluss. Woran liegt das?


Die Forderung der BDS-Bewegung nach einem allumfassenden Boykott Israels ist eine modernisierte, auf den jüdischen Staat bezogene Variante der NS-Parole „Kauft nicht beim Juden!“. Entsprechend wird Israel in der BDS-Propaganda oft auch mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt. Diese offensichtliche Bagatellisierung des Holocaust trifft in den Täterländern Deutschland und Österreich nur begrenzt auf offene Sympathien. Gleichzeitig wächst aber die Zahl derjenigen, die BDS-Anhänger in Schutz nehmen, sofern sie aus dem Nahen Osten oder dem imaginierten „globalen Süden“ kommen – mit dem Argument, dort habe man nun mal vielfach „ein anderes Bild von Israel“. Aber erstens ist dieses „Bild“ nicht weniger antisemitisch als hierzulande, und zweitens ist der Versuch, sich hinter diesen BDS-Sympathisanten zu verstecken, allzu durchsichtig. Der äußerst überschaubare Einfluss von BDS im deutschsprachigen Raum hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Zahl der eingefleischten BDS-Aktivisten bislang sehr klein geblieben ist und die meisten von ihnen aus den verrücktesten Teilen der radikalen Linken stammen.


3. Was läuft aus eurer Sicht falsch in Bezug auf die Thematisierung von Antisemitismus in Österreich/Deutschland?


In Deutschland wächst der Antisemitismus stetig an, nicht nur im Bereich der Straftaten, sondern auch und nicht zuletzt unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Es gibt zwar beim Bund und in den Ländern die Antisemitismusbeauftragten, aber es fehlt an klaren Konzepten, wie dem Antisemitismus auf allen Ebenen begegnet werden kann. Der Fokus wird auch zu stark auf den rechtsextremistischen Antisemitismus gerichtet und zu wenig auf die anderen Formen des Hasses gegen Juden, etwa den islamistischen Antisemitismus und den linken Antizionismus. Der israelbezogene Antisemitismus – der die salonfähigste Variante darstellt – wird zudem noch immer viel zu oft als „Israelkritik“ rationalisiert und damit verharmlost. Dass sich Juden in Deutschland zunehmend unsicher fühlen, liegt aber auch zu einem wesentlichen Teil an der mangelnden Empathie in der Bevölkerung. Noch immer wird der Antisemitismus als eine Angelegenheit betrachtet, mit der sich Juden beschäftigen müssten. Das stimmt natürlich insofern, als Juden die designierten Opfer des Judenhasses sind. Aber dabei fällt die zentrale Einsicht unter den Tisch: dass der Antisemitismus nicht das Problem der Juden ist, sondern der Gesellschaften, die ihn hervorbringen. Hier läuft etwas schief, und hier muss angesetzt werden.


4. Wie ist euer/dein Zugang zu einem Thema, wann wird daraus ein Buch?


Die Beschäftigung mit Israel, dem Nahen Osten und Antisemitismus gehört zu unseren Berufen, aber natürlich resultiert der Kampf gegen den Judenhass in allen seinen Formen auch aus unseren Überzeugungen. Vor dem Buch zur Israel-Boykottbewegung haben wir eines mit dem Titel „Vereinte Nationen gegen Israel – Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert“ veröffentlicht. Zu beiden Themen hatten wir schon länger gearbeitet und diverse Texte veröffentlicht, zu beiden Themen fehlte es aber an einer Überblicksdarstellung. Diese Lücken haben wir zu schließen versucht, auch aus der Erkenntnis heraus, dass zu beiden Komplexen viel Halbwissen verbreitet wird und oft auch schlicht Unsinniges. Und ein Buch ist letztlich beständiger, als es Online-Texte sind.


5. Unser Leitspruch heißt ja „against reality“, was heißt für euch against reality?


Wenn die Wirklichkeit eine schlechte Normalität ist, sollte man sich nicht mit ihr abfinden, sie aber auch nicht nur analysieren und erklären, sondern zu ihrer Veränderung beitragen. Das ist unser Anspruch.

 

Hier geht es zur Veranstaltung vom 16.12.2022:

contrapunkt.net/gestern/reclaim-your-club-club-against-reality

Kategorie: AR Talk