2.6.2021 Harald Mahrer in da house – distinction is everything

 

Was war das vor einem Jahr für ein legendärer Moment? Mit einer Magnum Flasche des steirischen Weingutes Polz in der Hand – wo ein Fläschchen allein mehr als 80 Euro kostet – posierte ÖVP Politiker, Interessenberater, Präsident der Wirtschaftskammer, des Wirtschaftsbundes, der Nationalbank und des WIFO (Wirtschaftsforschungsinstitut), vor einem vollen Weinregal für ein Interview mit dem „falstaff – das Magazin für anspruchsvolle Genießer“. Es handelte sich dabei um niemand geringeren als um Harald Mahrer, dessen Person die Interessen der ÖVP wie kein anderer verkörpert, oder anders gesagt: Mehr ÖVP geht wohl kaum! Das Interview samt Foto wurde kurz nach dem 1. Lockdown im Frühjahr 2020 aufgenommen und am 2.  Juni veröffentlicht. Dieses Gespräch mit dem „falstaff“ ermöglicht tiefe Einblicke in Haralds Verständnis mit dem Umgang der Folgen des Lockdowns: Mit seinem Aufruf: „Genießen wir wieder!“ trifft Harald den Nerv der Zeit. Er trotzt den existenziellen Unsicherheiten, der großen Zahl an Arbeitslosen, den Konkursen und vor allem der zunehmenden Verschärfung der sozialen Ungleichheit und Verfestigung von Armut – als Folge der Pandemie und der damit verbundenen Maßnahmen - wie die Armutskonferenz Österreich in einer Studie aufgearbeitet hat. Alldem begegnet er mit einem Lächeln und dem Imperativ des Genusses. Denn wer keine Freude am Ausgehen hat und nicht Verreisen will – so die Befürchtung – wird weniger konsumieren. „Jetzt gilt: Wer konsumiert, hilft seinem Land, hilft seiner Familie und hilft letztlich sich selbst, lautet Haralds Ratschlag.“ Die einzigen Sorgen die ihm Kopfweh bereiten, sind nicht jene der zunehmenden sozialen Ungleichheit, sowie der psychischen und sozialen Gesundheit der Menschen, sondern die Angst vor mangelnden Konsum:

„Genau! Corona hat uns in ein Stimmungstief versetzt. Wer Angst hat, kauft nicht, investiert nicht und konsumiert nicht. Wir müssen die Stimmung drehen! Nicht die Angst vor der zweiten COVID-Welle darf vorherrschend sein, sondern die Freude darüber, nach den Wochen der Entbehrung und der drückenden Stimmung wieder positiv in die Zukunft zu blicken und Optimismus und Konsum-, aber auch Kampfeslust zu entwickeln.“

Der Aufruf zum Kampf für die Konsumbereitschaft ist von seiner Warte aus sicher nicht als Zynismus den Pandemieverlierer*innen gegenüber zu verstehen. Vielmehr ist es seinem fehlenden Verständnis und seinem Desinteresse an der Lebenswelt von Menschen geschuldet, für die Genuss gegenwärtig nicht mehr ist als ein alltagsfremdes und inhaltsleeres Konzept, welches im Moment keine „Priority“ hat. Das Interview samt schickem Foto ist für Harald also tatsächlich ein ehrlicher Aufruf, für den Konsum zu kämpfen und steht symbolisch für einen neoliberalen Top-Down Klassenkampf, in dem niemand daran denkt, verstehen zu wollen, wie es den Deklassierten denn eigentlich gehen könnte – Denn aus Magnumflaschen Wein zu trinken steht momentan wohl eigentlich nicht so auf der „to do Liste“. Das im Interview angeschnittene kapitalistische Märchen vom Interessensausgleich zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen spiegelt das wirtschaftliche Verständnis von Haralds Interessensgemeinschaft wider:

„Ich spüre diese Kampfeslust und viel Mut in allen Branchen und sehe auch eine noch nie dagewesene Solidarität von Arbeitnehmern mit ihren Arbeitgebern. (…) Angesichts der Heerscharen an Arbeitslosen und Kurzarbeitern war es noch nie ­ so klar, dass es primär die Privatwirtschaft und die Hunderttausenden kleinen und mittleren Unternehmen sind, die Jobs schaffen, nicht die Politik oder der Staat.“

Wenn hier von Klassenkampf die Rede ist, denken wir wohl eher selten an seine alltäglichen Erscheinungsformen, wie die rücksichtslose gegenseitige Verächtlichmachung, an die Arroganz der herrschenden Klasse, an die erdrückenden Prahlereien mit Konsumgütern und mit dem „Erfolg“ der Kinder, mit den Urlaub im Freizeitwohnsitz, mit dem neuen Auto oder anderen Prestigeobjekten, an verletzende Gleichgültigkeit und den Beleidigungen schrieb einst Pierre Bourdieu, Soziologe und Theoretiker, der sich Zeit seines Lebens zum Ziel gesetzt hat, die verborgenen Mechanismen der Macht aufzuzeigen. Das Bild mit der Magnumflasche vor dem Weinregal ist nicht einfach eine Darstellung eines Genießers, sondern spiegelt seine gesellschaftliche Positionierung, die zeigt wer er ist, wo er steht und vor allem wie er wahrgenommen werden will. Über Konsumgüter positionieren wir uns im kulturellen Feld und demonstrieren dadurch auch unsere Klassenzugehörigkeit, die stets mit Distinktion – einer sozialen Abgrenzung – einhergeht. Für Harald ist das Trinken eines edlen Tropfens, aufgrund seiner Häufigkeit und beinahe professionellen Routine, nichts Außergewöhnliches. Für die herrschende Klasse ist eine Flasche Magnum nicht nur Anlass für den Genuss eines edlen Tropfens, sondern auch eine Demonstration ihrer gesellschaftlichen Position. Das damit einhergehende Streben nach sozialer Distinktion lässt auf den Besitzenden schließen. Schon Bourdieu schrieb, dass der Besitz eines Landhauses oder einer Weinsammlung nicht nur eine Frage des Geldes ist, sondern sich die Menschen auch dessen Besitz zu eigen machen müssen - wie beim Konsum des Weines: Den Keller und die Kunst des Abfüllens, die als „tiefes Kommunizieren mit dem Wein“ (= Weinkennerschaft) beschrieben wird, ist eine vorausgesetzte Fähigkeit, um die gesellschaftliche Zugehörigkeit zu betonen. Haralds Auftritt mit einer Magnum Flasche Rotwein ist also nicht einfach nur ein Interview zum falschen Zeitpunkt, sondern jener Ausdruck einer vorherrschenden Politik, die sich für die Belange der „ökonomisch Rückständigen“ – so ein zynischer Euphemismus – soviel interessiert, wie dafür Rotwein aus Tetrapack zu trinken. Und nein, wir sind keine Genussverweigerer. Als gelebte Hedonist: innen sehen wir kein Problem darin, dass Menschen ihren Wein aus einer Magnumflasche trinken, jedoch ist unsere Parole dann wohl eher:
„Magnumflaschen für alle und nicht nur für Haralds Freunde!“

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