14.10.2020 #diskursiv Die Stadt als Beute

@leokino mit dem Film "Die Stadt als Beute" von Andreas Wilcke. Davor gibt es ein Inputreferat von Jakob Schnizer.


Von London bis New York gilt Berlin plötzlich als “the place to be“. Das weckt Begehrlichkeiten.
Jeder will hier wohnen und viele wollen sich hier eine Wohnung kaufen, die – verglichen mit „zu Hause“ – spottbillig ist. Ehemaliger staatlicher Wohnungs-bestand wird privatisiert und Mietwohnungen werden zu Eigentum. Welten prallen aufeinander und Paralleluniversen tun sich auf.

Andreas Wilcke hat diesen Vorgang vier Jahre lang durchleuchtet. Mit seiner Kamera ist er überall in der Stadt unterwegs; befragt die verschiedenen Akteure, begleitet Makler, Investoren und Kaufinteressenten bei der Schnäppchenjagd und Mieter beim Gang durch die Institutionen. Der Zuschauer ist quasi live dabei, wenn im Zeitraffertempo eine ganze Stadt umgekrempelt wird.
diestadtalsbeute.com/#trailer

Andreas Wilcke besuchte von 2003 bis 2006 die Schauspielschule Charlottenburg in Berlin. Bis 2008 wirkte er in Inszenierungen unter anderem an der Theaterkapelle Berlin, am Theaterforum Kreuzberg und an der Berliner Studiobühne Ritterstrasse mit. Im Filmbereich hatte er Haupt- und Nebenrollen in mehreren Kurzfilmen. Darüber hinaus gehörte er in einer kleineren Nebenrolle zum Ensemble des Low-Budget-Krimis "Warum Du schöne Augen hast" (2008) und hatte einen Auftritt als bewaffneter Scherge in Til Schweigers "Schutzengel" (2012).
Im Jahr 2010 begann Wilcke mit der Arbeit an seinem Dokumentarfilmprojekt "Die Stadt als Beute": In Personalunion als Produzent, Autor, Kameramann und Regisseur beobachtete er dafür über mehrere Jahre hinweg die Veränderungen in Berlin im Fahrwasser von Bauboom, Mietpreisexplosion und Gentrifizierung. "Die Stadt als Beute" wurde im Januar 2016 beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis uraufgeführt und startete im Sommer 2016 in den Kinos.

Zur Situation in Innsbruck wird Jakob Schnizer vor dem Film einen Inputvortrag geben:

...Wir sind Eure Hauptstadt, ihr Bauern!?
Die Innsbrucker Stadtentwicklung von einer verschlafenen Kleinstadt der 70er Jahre über die Putativweltstadt der Jahrtausendwende bis zum alpin-urbanen Spielplatz einer grünalternativen Schickeria der 2010er Jahre ist beinahe ein neoliberales Lehrstück. Auf der einen Seite hohe Renditen, Neubauten, Umgestaltungen und dynamisches Wirtschaftsleben, auf der anderen Hetze, Verdrängung, Ausgrenzung, Armut und Wohnungsnot... ein Input zur Dynamik der Innsbrucker Stadtpolitik und
ihrer Akteur_innen,  Nutznießer_innen und Leidtragenden.

Jakob Schnizer ist Sozialarbeiter und befasste sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Artikel der vergangenen zehn Jahre mit dem Thema Stadtentwicklung in Innsbruck aus einer kritischen Perspektive.

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22.10.2020 #diskursiv Coronakontrolle - nach der Krise, vor der Katastrophe


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p.m.k.. Wir begrüßen Georg Seeßlen mit seinem neu erschienen Buch

 
Zu Beginn der Pandemie, die als «Coronakrise» in die Geschichte eingehen soll, gab es noch eine Reihe von Hoffnungen. Die Krise würde zu mehr Einsicht in die Notwendigkeit gesellschaftlich-solidarischer Einrichtungen führen, zu mehr Wertschätzung für Ärzte und Pflegepersonal, zu mehr Solidarität in den Bevölkerungen. Als kleines Nebenprodukt würde sie die Frage erlauben, ob der Kapitalismus in seiner aktuellen Form wirklich die beste Weltordnung liefere, sie würde Autokraten enttarnen, den Populismus überflüssig machen, die Wertschätzung für Kultur und Kritik wieder beleben, soziales Verantwortungsgefühl und ein Bewusstsein für den Kampf gegen die Umweltzerstörung erzeugen ... Kurz: Die Krise wäre zugleich mit den Gefahren vielleicht auch eine Geburtshilfe für neue Chancen.

Mit zunehmender Dauer müssen wir uns indes auch von den Hoffnungen auf eine bessere Post-Krisen-Welt verabschieden. Denn bereits als viele Menschen nur mit ihrem persönlichen Überleben, mit ihren Einschränkungen und mit der Verantwortung für die Nächsten zu tun hatten, setzt die Bewegung von Reaktion und Restauration ein. Die Hoffnungsblasen platzen und es zeichnet sich ab: Die Gewinner der Vor-Krise werden wieder die Gewinner der Nach-Krise sein (mit etlichen Verschiebungen, Verstärkungen und Vermittlungen). Die Verlierer sollen weitere Verluste in Kauf nehmen – ganz im Dienste des «Systems».

Möglicherweise aber ist der Kipppunkt noch nicht erreicht, noch sind die Chancen, die für Kritik und Widerstand in einer Krise stecken, nicht endgültig vertan. Deswegen ist eine Analyse notwendig, die sich keine Illusionen macht, aber auf «tätige Hoffnung» (Bloch) nicht verzichtet. Dafür liefert das vorliegende Buch Material und Ansatzpunkte.
bahoebooks
 
Georg Seeßlen, geboren 1948 in München, studierte Semiotik, Malerei und Kunstgeschichte und arbeitet als freier Autor, Feuilletonist und Filmkritiker.
 
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